Dialog zur Koranauslegung

Eine mangelhafte Auslegung des Koran hilft radikalen Islamisten.

Unter dem Titel "Die zwei Gesichter des Koran. Gewaltaufrufe neben Friedensappellen: Warum das Heilige Buch der Muslime eine verbindliche Auslegung so schwierig macht" von Thomas Frankenfeld stand im Hamburger Abendblatt am 30.10.2014 ein Artikel, in dem mit schon bekannten Zitaten dem Koran eine latente Gewaltbereitschaft unterstellt wird. Für viele hat diese Auslegung etwas Selbstverständliches, da sie oft wiederholt wird. Dennoch bleibt sie falsch.

Gerade im Angesicht der aktuellen Konfliktlage kommt es darauf an, dass wir im Umgang mit dem heiligen Buch der Muslime so sorgfältig umgehen, wie wir es in der Bibelauslegung auch pflegen. Das gilt besonders für Multiplikatoren und Medien, in diesem Fall für Autoren des Hamburger Abendblattes. Werner Kahl, Professor für Neues Testament und Herausgeber eines Lehrbuches zum Koran hat in einer kurzen Stellungnahme den Artikel kritisch bewertet. Stellungnahme des Referenten der Nordkirche für Christlich-islamischen Dialog Pastor Axel Matyba und des Studienleiters der Missionsakademie an der Universität Hamburg Prof. Dr. Werner Kahl:

" Sehr geehrter Herr Frankenfeld,

welcher Koranübersetzung haben Sie das Zitat von Sure 9,5 entnommen? In der von Ihnen gebotenen Version ist die Rede von der Verfolgung und Tötung der Ungläubigen, „wo ihr sie findet“ etc. Die „Ungläubigen“ sind nun in diesem Vers nicht zu finden.

In allen der von uns konsultierten wissenschaftlich verantworteten oder für den Gebrauch der Gläubigen in Deutschland verbreiteten Übersetzungen lesen wir stattdessen von „Beigesellern“ oder „Götzendienern“. Und das zu recht, denn im Arabischen ist hier eindeutig die Rede von solchen, die an mehrere Götter glauben. Die Sure 9, die Sie erst zur „berüchtigten Schwertsure“ deklarieren (nur 9,5 ist bekannt als „Schwertvers“), reflektiert kriegerische Auseinandersetzungen der muslimischen Gemeinde in Medina mit polytheistischen Stämmen aus Mekka und Umgebung, und zwar in der Situation eines Verteidigungskampfes! Der literarische Kontext des Verses in 9,1--‐15 macht ebenso deutlich, dass Gewalttätigkeit gerade eingehegt werden soll. Das gilt auch für die beiden anderen von Ihnen in diesem Zusammenhang aufgerufenen – ebenso zweckentfremdeten – Passagen in Suren 2 und 47.

Uns irritiert, dass Sie sich hier unkritisch eine Fehlübersetzung und Deutung zu eigen machen, die ausgerechnet von islamistischen Terroristen favorisiert wird. Diese sind es, die Verse wie 9,5 durch falsche Übersetzungen und durch De - Kontextualisierung generalisieren, um ihre Verbrechen gegen alle, die nicht ihrer Anschauung sind, letztgültig zu rechtfertigen.

Verse wie 9,5 werden durch diese Vorgehensweise erst „scharf gemacht“. Indem Sie diese tatsächlich philologisch und historisch unhaltbare Wiedergabe des Koranverses übernehmen und medial verbreiten, befördern Sie Vorurteile gegenüber dem Islam und gießen Öl ins Feuer derer, die Angst vor Muslimen schüren.

Wir gemahnen Sie in Ihrer Funktion als Chefredakteur (Hinweis des Webteams von stgeorg-borgfelde.de: Thomas Frankenfeld ist Gastautor) dieser wichtigen Hamburger Zeitung an Ihre journalistische Sorgfaltspflicht und gesellschaftliche Verantwortung. Für einen gelegentlichen Austausch über diese Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen, Pastor Axel Matyba und Prof. Dr. Werner Kahl, 31. Oktober 2014 "