Dialog Oktober 2014

Erklärung zu den gewalttätigen Übergriffen am Pulverteich, 11.10.14

von Kay Kraak und Gunter Marwege, Gemeindepastoren von St.Georg-Borgfelde, Hamburg:

"(...) Vergangenen Dienstag, 7.10., kam es nach einer Kurdendemonstration zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit mehr als 20 Verletzten größtenteils auf kurdischer Seite, vier davon schwer. In der öffentlichen Wahrnehmung entstand dabei der Eindruck, dass sich hier Kurden und radikale Muslime aus dem Umfeld der arabischen Al Nour Moschee eine Straßenschlacht geliefert haben. Das ist falsch!

Um diesen Gerüchten entgegenzutreten und um ein Netzwerk gegen evt. weiter aufkeimende Gewalt bei uns im Stadtteil zu installieren, wurde am nächsten Morgen auf Initiative von Dr. Irmgard Schrand, islamwissenschaftliche Mitarbeiterin des Staatschutz, in Verbindung mit Kay Kraack und anderen ein sofortiger Runder Tisch im (Polizeikommissariat) PK 11 organisiert, an dem u.a. Vertreter der Kurden, der Al Nour und der Centrum Moschee, der Schura und der Polizei teilnahmen. In einem bemerkenswert offenen und konstruktiven Gespräch wurde der Hergang minutiös rekonstruiert und eine Pressekonferenz vereinbart, um durch Klarstellung der Positionen zur Beruhigung der Lage beizutragen.

Demnach war der Ablauf der Ereignisse folgender: Nach der angemeldeten Demo hatten sich Kurden in ihr Kulturzentrum am Kl. Pulverteich zurückgezogen. Dort wurden sie von I.S.-Sympathisanten aus vorwiegend jugendlichen und gewaltbereiten extrem-islamistischen Kreisen unterschiedlicher (auch deutschstämmiger) Nationalität im Alter zwischen 17 und Mitte 20 aufgesucht und bedroht. Da zu dem Zeitpunkt die Al Nour Moschee schräg gegenüber noch zum Gebet geöffnet war, strömten die I.S.-Sympathisanten ab 20:00 zeitweise auch dort hinein, wurden vom anwesenden vertretenden Imam zunächst um Ruhe gebeten in der Hoffnung, deeskalierend auf sie einwirken zu können. Gleichzeitig wurde – vergeblich – Polizeiunterstützung angefordert.

Es kam dann zu einer nicht beherrschbaren Situation mit Gewaltandrohungen gegenüber Imamen und Schuravertretern in der Moschee. Ebenfalls wurde von Seiten des kurdischen Kulturvereins an die Polizei appelliert, sich der eskalierenden Situation entgegenzustellen und den Kulturladen zu schützen. Auch hier konnte von polizeilicher Seite offenbar nicht angemessen reagiert werden.

Über soziale Netzwerke hatten sich mittlerweile weitere Personen eingefunden (nach Polizeiinformationen allerdings deutlich weniger als die über die Medien verbreitete Zahl von 400). Es kam schließlich von Seiten der IS-Anhänger zum Angriff auf den Kulturladen in bisher nicht erlebter Aggressivität und Heftigkeit und unter Verwendung diverser Hieb- und Stichwaffen. Vorwiegend auf kurdischer Seite wurden über 20 Personen verletzt, vier davon schwer. Erst danach konnte die Situation ordnungspolitisch stabilisiert werden, wobei sich die jugendlichen Gewalttäter offenbar in ihre Autos rund um St. Georg zurückgezogen hatten.

Im Ergebnis wurde am Mittwochmorgen festgestellt:

  • Scheich Samir von der Al Nour Moschee bedauert zutiefst, dass durch dieses Geschehen alle Beteiligten in ihrem langjährigen Bemühen um Frieden und Verständigung beschädigt worden sind und nun einen hohen Preis für die im Nahen Osten entstandene Konfliktlage zahlen; die Gewalttäter seien nicht Teil der Gemeinde, größtenteils auch keine Araber und in der Moschee nicht bekannt.
  • In vergleichbarer Weise betont auch die kurdische Seite, dass es hierbei nicht um einen Konflikt zwischen Kurden und Muslimen geht, sondern um einen von fälschlicher Weise sich auf den Islam berufenden Gewalttätern ausgeübten Angriff auf die innere Sicherheit unserer Gesellschaft.
  • Es wäre wahrscheinlich möglich gewesen, bei richtiger Lageeinschätzung und rechtzeitigem Eingreifen der Polizei den Gewaltausbruch und die hohe Zahl der Verletzten zu vermeiden.
  • Bedenklich ist, dass die jugendlichen Gewalttäter von den Respektpersonen in den Institutionen vor Ort größtenteils nicht mehr erreicht werden können. Ihre Organisationsplattform scheinen die sozialen Netzwerke zu sein, wobei insbesondere den wildwuchernden Gerüchten eine eskalierende Rolle zukommt. ... Das sind Falschmeldungen, die allein dem Anheizen des Konflikts dienen. Noch am Mittwochmittag wurde daher versucht, über Websites und Netzwerke gegenzusteuern.

Die Pressekonferenz fand dann unter großer Aufmerksamkeit um 15 Uhr in der Rathauspassage statt und dokumentierte sowohl die einvernehmliche Betroffenheit als auch den festen Willen, gemeinsam gegen diese Gewalttäter vorzugehen.

In rückblickender Einschätzung ist hervorzuheben, dass es sich bei der meist als Salafisten bezeichneten Gruppe um I.S.-Sympathisanten handelt, die eine Sammelbewegung von in der Regel männlichen Jugendlichen zu sein scheint, die in ihrer Perspektivlosigkeit oder vielleicht auch Sehnsucht nach Bedeutung und Aufgabe anfällig sind für gewaltbereite Ideologien. Wobei es hier nicht nur um Gewalt geht, sondern auch offenbar um eine Sehnsucht nach Aufgabe und herausfordernder Teilhabe an einem größeren Sinnkontext, im Grunde also Religion.

Dem sollten wir uns als Gesellschaft stellen und die gerade jungen Männern offerierten gesellschaftlichen Werte – die bekanntlich immer auf den Erfolg des Einzelnen zielen – auf ihre Attraktivität hin überprüfen. Das müsste insbesondere auch eine Aufgabe der Kirchen und aller anderen religiösen Institutionen sein.

Ferner sollte man beachten, dass der Begriff Salafismus eigentlich nur eine besonders fundamentalistische Koranauslegung und Frömmigkeit bezeichnet, die als solche nicht notwendig gewaltbereit ist. Diese Differenzierung ist wichtig, damit wir nicht unnötig unterschiedliche Gruppen per Definition in Bündnisse hinein zwingen, die ursprünglich gar nicht bestehen.

(...)

Soweit aus aktuellem Anlass einige Information über die “andere Seite“ unseres vielschichtigen Stadtteils. Zumindest wir haben in diesen Tagen einmal wieder überdeutlich realisiert, wie unschätzbar Frieden und Verständigung für das Lebensglück vor Ort sind und wie sehr es darauf ankommt, hier engagiert zu sein."

(Hervorhebungen und Kürzungen durch die Website-Redaktion)