Gottesdienst zum Stadtteilfest St. Georg 2011
Ökumenischer und interreligiöser Open-Air-Gottesdienst auf dem Hansplatz
Am 24. und 26. Juni 2011 wurde in St. Georg ein Festwochenende anlässlich der Neugestaltung des Hansaplatzes gefeiert. Nach jahrelanger Vorlaufzeit und Bauzeit wurde der Hansaplatz in neuer Gestalt eröffnet, frei von Autoverkehr.
Die Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde feierte zu diesem Anlass ihren gemeinsamen Gottesdienst mit der AIDS-Seelsorge am 26. Juni 2011 gemeinsam mit den anderen Religionsgemeinschaften des Stadtteils als Open-Air-Gottesdienst. Christen und Muslime standen dabei zusammen für die Vielfalt und Toleranz in St. Georg.
Dazu Gemeindepastor Kay Kraack : "Bei aller Freude über das Zustandekommen dieser Neugestaltung von St. Georgs bedeutendstem Platz, sehen viele im Stadtteil diese städtebauliche Entwicklung auch kritisch. Attraktivitätssteigerung lässt Menschen neu zuziehen, Wohneigentum erwerben, zugleich führen steigende Mieten und Wohnqualitätsbedarfe zu einer Verdrängung bisher angestammter Gruppen und Szenen. Wie auch schon an anderen Orten unserer Stadt ergibt sich die Frage, wem gehört eigentlich ein Quartier und inwiefern haben Menschen ein Bleiberecht im Angesicht der sich verändernden Citylagen? Als Religionsgemeinschaften könnten wir im Angesicht der aufbrechenden Interessengegensätze hier ein Beispiel für Dialogfähigkeit, Toleranz, menschlichem Umgang und zukunftsorientierten Interessenausgleich geben, indem wir diesen Gottesdienst als gemeinsames Gebet verantworten, die Reibungspunkte offen ansprechen und aus unseren religiösen Traditionen Orientierung suchen."
Statement der evangelischen Kirchengemeinde
Als es St. Georg schlecht ging, waren die Mieten billig. Wer Geld hatte, damals, wollte lieber im Grünen wohnen. Heute ist St. Georg schick und eine begehrte citynahe Lage. Nun muss man Geld haben, um hier eine Wohnung zu finden. Geblieben sind Widersprüche.
Früher sind die Leute im Stadtteil mit ihren unterschiedlichen Interessen aufeinander zugegangen. Es war mühsam, oft anstrengend, aber es gab keine Alternative. Wer wenig Geld hat, braucht eben Freunde. Am Ende konnten wir uns über Grenzen von Kultur, Lebensweisen und Bedürfnissen hinweg verständigen. Wir wussten: In St. Georg brauchen wir eine solche Toleranz. Auf diese Weise haben wir uns mit dem Stadtteil identifiziert.
Heute sehen manche nur ihre Wohnsituation. Was stört, soll weg. Doch werden wir nicht ärmer, wenn unser Stadtteil immer reicher wird?
Aber so ist das nun mal: Man kann das Heute nicht einfrieren, die Veränderungen gehen weiter. Hat es uns damals interessiert, wie sich die früheren Bewohner ihren Stadtteil gewünscht haben?
Doch was bleibt, sind die Widersprüche, damals wie heute, und die Erkenntnis, dass wir sie nur gemeinsam lösen können.
Statement der Muslime
Vergangenheit
Ende 60ziger, Anfang 70er Jahre. Muslime sind nach Hamburg-St. Georg migriert. Sie kamen um zu arbeiten und sie blieben. Sie suchten Räume für ihr Gebet und fanden sie in der Nähe des Hansaplatzes. Sie waren fremd.
Gegenwart 2011
In St. Georg gibt es über 10 verschiedene Moscheen. Die Muslime nutzen Sie für ihr Gebet. Sie nutzen sie aber auch für Begegnung und Austausch. Interreligiöser Dialog gehört dazu. Denn die Vielfalt der Menschheit ist die Vielfalt Gottes. Muslime aus den verschiedensten Regionen kommen tagtäglich nach St. Georg. Sind sie willkommen? Oder gibt es den Wunsch, sie würden den Stadtteil verlassen?
Sie sind fremd.
Zukunft
St. Georg wird schöner. Menschen aller Nationen und Religionen fühlen sich willkommen. Sie teilen Freud und Leid. Sie halten zusammen.
Sie sind zu Hause.
Statement der AIDS-Seelsorge
Die Regenbogenfahne ist ein Symbol dieses Stadtteils St. Georg geworden. Viele Kneipen und Lokalitäten zeigen sie an Eingang oder Fensterscheibe. Der Regenbogen signalisiert Toleranz. Menschen ganz unterschiedlicher sexueller Orientierung sind hier willkommen.
Das war nicht immer so. Vor 50 Jahre, als ich Kind war, war St. Georg verrufen. Die feineren Leute aus Blankenese oder Volksdorf rümpften die Nase. Auch das bürgerliche Milieu in Eimsbüttel oder Hamm blickte auf St. Georg herab. Dieser Stadtteil galt als schmuddelig: wegen seines Nachtlebens, deshalb, weil sich Homosexuelle hier trafen, wegen der hier angesiedelten weiblichen und männlichen Prostitution.
Wir haben inzwischen gelernt, dass ein Mensch sich nicht aussuchen kann, ob seine Liebe und Sexualität auf eine Frau oder einen Mann ausgerichtet ist. In den christlichen Kirchen war und ist dies kein einfacher Prozess. Im Verborgenen gab und gibt es die seelsorgliche Begegnung für Menschen in Not dennoch schon immer – egal welche sexuelle Orientierung eine oder einer mitbringt. Die Nordelbische Kirche ist stolz darauf, heute in St. Georg eine AIDS-Seelsorge zu betreiben, die zugleich Beratungsstelle und kirchliche Heimat für schwule Männer ist.
St. Georg und AIDS
AIDS ist kein öffentliches Thema mehr. Medizinisch hat sich viel getan in 30 Jahren. Die Lebenserwartung infizierter Menschen unterscheidet sich bei uns kaum noch von der nicht-infizierter Menschen. Aber mancher, der oder die mit HIV/AIDS leben muss, stirbt einen sozialen Tod.
Einerseits wissen alle: Es gibt AIDS; es gibt sogenannte betroffene Menschen. Andererseits will die Mehrheit am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben. Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung ist an der Tagesordnung – erschreckender Weise auch in der schwulen Szene, auch hier in St. Georg. Viele Männer und Frauen gehen inzwischen den Weg, möglichst niemanden in das Wissen um ihren Status „HIV positiv“ einzubeziehen. Sie haben keinen Menschen, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte offen sprechen können. Die Angst vor Entdeckung ist groß und verhindert nicht selten den Besuch einer AIDS-Hilfe-Einrichtung – man könnte erkannt werden.
HIV/AIDS ist ein gesellschaftliches Problem. Abgesehen von der weltweiten Ungerechtigkeit, dass noch längst nicht überall HIV-Medikamente zugänglich sind, besteht auch bei uns ein großer Bedarf, dieser Krankheit mit einer neuen Haltung zu begegnen. AIDS ist kein Randgruppenphänomen, AIDS ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wir alle können etwas dafür tun, dass sich keiner mehr verstecken und etwas so Existentielles von sich verschweigen muss.
Statement der katholischen Gemeinde
Der Hansaplatz war für mich lange Zeit ein Platz, den ich scheute. Ich versuchte ihn zu meiden, meine Wege anders zu lenken oder zumindest, ihn schnell zu passieren. Ich fühlte mich hier fremd, unwohl, unpassend.
Was störte mich? Die schöne Architektur und die verschiedenen Lebensräume, die er bietet, können es wohl nicht sein. Auch die verschiedenen Lebensentwürfe machen diesen Ort doch eher interessant. Ehrlich gesagt sind es die Schicksale, mit denen man an diesem Ort konfrontiert wird. Ich war mir unsicher, wie ich den hier lebenden Menschen, die von vielen als "Randgruppen" bezeichnet und betrachtet werden, begegnen sollte. Ich war mir auch nicht sicher, wie sie mir wohl begegnen würden…
Ein Teil meiner Scheu wurde mir vor einigen Jahren genommen, als wir, die Domgemeinde, zum ersten Mal im Rahmen der Fronleichnamsprozession das Allerheiligste auf den Hansaplatz brachten. Mit mulmigem Gefühl zog ich mit auf den Platz. Aber: Wir hörten keine störenden Rufe, keine bösen Worte, sondern wir erfuhren Interesse und vor allem Toleranz! Das hat mich in meinen Ansichten und meiner Unsicherheit aufgeweckt.
Statement aus dem Basis-Projekt (Zitat eines transsexuellen Klienten des BASIS-Projekts)
Ich stehe hier und warte auf einen Freier.
Viele Menschen gehen vorbei und sehen mich an. Manche mitleidig, manche abwertend, manche sehen durch mich hindurch, manche sind interessiert.
Ich will gesehen werden, deshalb werde ich laut. Ich will kein Mitleid, ich brauche Geld für meine Familie. Ich versuche zu erreichen, dass Männer auf mich aufmerksam werden, ich versuche sie festzuhalten, die Konkurrenz wartet nicht.
Ich weiß, ich werde oft dafür verachtet, was ich tue, deshalb verachte auch ich.
Manchmal bin ich aggressiv, aber so ist es einfacher ich mein Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten.
Diese Gegend hier um den Hansaplatz ist mir vertraut. Hier kenne ich mich aus. Hier sind viele Menschen aus anderen Ländern.
Der neue Hansaplatz ist schön, alles sauber und ordentlich.
Statement eines Anwohners des Hansaplatzes:
Wenn ich morgens meine Tochter über den Hansaplatz Richtung Kita schiebe, denke ich immer öfter: Hier tut sich was.
Andere Kinderwägen, Gesichter diskutieren über Stadtplänen, kein 24-Stunden Pipigeruch mehr am Brunnen. Sogar Menschen, die hierher kommen, um in der Sonne zu frühstücken. Was ist denn jetzt los? Ist das noch DER Hansaplatz?
Ja! Nur ist er mehr geworden als das Ärgernis auf dem Weg zu Penny.
Und ich fühle mich nicht mehr fremd vor meiner eigenen Haustür. Auch wenn es hier immer noch alles gibt, was man in Winterhude nicht findet. Und das ist auch gut so.
Die Fürbitten des Gottesdienstes
Islamische Fürbitte
O Allah!
Zu Deinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde
und die Verschiedenheit unserer Sprachen und Farben. (Sure 30:23)
Du hast uns in Vielfalt erschaffen, damit wir einander kennen lernen. (Sure 49:13)
Bewahre uns vor Intoleranz und Gewalt und hilf uns,
die Vielfalt als Bereicherung zu sehen.
Mache uns zu Menschen, die aufeinander zugehen und mitfühlend sind.
Lasse uns nicht nur unser eigenes Wohl im Auge haben,
sondern auch für andere einsetzen.
Hilf uns die Not des Nächsten zu erkennen und konkrete Hilfe zu leisten.
Bewahre uns vor Hochmut und vor dem Wunsch,
den anderen zu übervorteilen,
denn erst wenn wir aufhören, uns als Zentrum aller Werte zu betrachten, können wir anfangen, den Anderen zu verstehen.
Stärke unsere Liebe füreinander und hilf uns,
einander in gegenseitigem Respekt zu begegnen.
Katholische Fürbitte
Hansaplatz und Hauptbahnhof liegen nah beieinander.
Hier kommen Menschen an und gehen wieder –
auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen,
aber auch als Gäste aus aller Herren Länder.
Die Bibel mahnt:
Die Bruderliebe soll bleiben. Vergesst die Gastfreundschaft nicht;
Denn durch sie haben einige, ohne es ahnen, Engel beherbergt.
(Hebr. 13,1f.)
Wir alle sind nur zu Gast auf Erden.
Jeder braucht einen Ort, an dem er willkommen ist.
Jeder braucht ein Ziel, an dem einer ihn erwartet und freundlich begrüßt.
Mögen sich Menschen auch hier im Stadtteil St. Georg
In den Dienst einer gastfreundlichen Stadt Hamburg stellen.
Fürbitte der Aidsseelsorge
Gott, Vater und Mutter,
du bist weiser als wir Menschen, du bist reicher, du bist größer.
Wir haben lange nicht verstanden, was doch geschrieben steht:
Am Anfang der Welt – so berichtet die Bibel –
sah Gott alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.
(Gen. 1,31)
Das gilt bis heute: alles, was Gott erschaffen hat, ist gut;
keiner hat das Recht, die Anderen, weil sie anders sind,
auszugrenzen oder zu verachten:
der Reiche nicht den Armen,
der Wohnungsinhaber nicht den Obdachlosen,
der Deutsche nicht den Zugezogenen aus Italien oder Portugal,
der Einheimische nicht den Migranten aus Asien oder Afrika
der Heterosexuelle nicht den Schwulen oder die Lesbe,
der Normalo nicht die Prostituierte oder den Stricher.
Wir alle gehören Dir, Gott, und sind deine Geschöpfe
– so schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief (3,28):
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier;
denn alle seid ihr einzig-einig
– so lautet die prophetische Ansage von Jesus, dem Christus.