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Interkulturelle Jugendbegegnung 2010

Wer bin ich? Wer bist Du?

Ausgehend von den positiven Erfahrungen der Friedensarbeit mit Jugendlichen in den Kernländern Europas im Rahmen internationaler Begegnungen möchten wir diesen Ansatz um ein neues Konzept bereichern. Während es in früheren Jahrzehnten darum ging, diese Verständigungsarbeit zwischen Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern zu organisieren, benötigen wir heutzutage die Begegnung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen im selben Land. Hierfür beabsichtigen wir, eine gemeinsame Reise von deutsch- und türkischstämmigen Jugendlichen in die Türkei zu organisieren.

Das gemeinsame Erleben der religiösen und kulturellen Herkunftskultur der türkischstämmigen Jugendlichen und ein damit einhergehender mehrfacher Verfremdungseffekt wird ganz neue Perspektiven und Gespräche entstehen lassen.

Die Beteiligung von engagierten Muslimen und Christen bietet dabei die besondere Gelegenheit, das gegenwärtig sicherheitspolitisch außerordentlich wichtige Thema Religion in seiner vielfältigen Bedeutung für den Alltag der Menschen zu erleben und auch kritisch zu unterscheiden von kulturellen, regionalen, ländlichen und städtischen Besonderheiten.

Bei der Auswahl der Reiseroute und der Kontakte soll auf eine größtmögliche Vielfalt zwischen ländlichen und städtischen Lebenssituationen,  Bildungsschichten und Lebenskulturen geachtet werden. Im einzelnen beabsichtigen wir insbesondere die Schnittstellen zwischen muslimischer Religion und säkularem Leben, als auch die zwischen christlichen Gemeinden und muslimisch geprägter Mehrheitsgesellschaft aufzusuchen.

Neben dem exemplarischen Kennenlernen der Türkei in Gegenwart und Geschichte sehen wir vor allem im internen Gruppenaustausch über das gemeinsam Erlebte den eigentlichen spannenden und auch nachhaltigen Effekt der Reise.

Wir gehen davon aus, dass diese Form des interkulturellen Austausches unter den verfremdeten Bedingungen einer gemeinsamen Reise in die Herkunftskultur des wichtigsten Migrantenanteils unserer Gesellschaft sich als ein besonders effektiver friedenspolitisch wirksamer Ansatz herausstellen kann.

Die Reise steht jetzt unmittelbar bevor. Anfang Oktober geht es zunächst in die unglaublich vielfältige Großstadt Istanbul, ein Schmelztiegel unterschiedlichster Traditionen, Szenen und Kulturen, dann weiter nach Konya, ein Wallfahrtsort frommer Muslime, und schließlich werden wir noch ganz weit im Süden an der syrischen Grenze bei Antakya (das mittelalterliche Antiochia) christliche Minderheiten besuchen.

Unsere Reisegruppe ist mit ca. 35 jungen Leuten aus dem CVJM, der katholischen Jugend, der Centrum-Moschee und von uns Schorsch bunt und sehr interessiert zusammengesetzt. Ein erstes (noch nicht ganz verbindliches) Gruppenfoto ist schon gemacht. Wir werden natürlich weiter berichten.
 



Biblisch-theologischer Impuls von Pastor Kay Kraack:

Das Sehnsuchtsziel aller Völker
und die Herausforderungen religiöser Pluralität   

I.    Die biblische Tradition ist voll der Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, - genau so sehr, wie sie auch beklagt, dass beide so oft fehlen. Und sie interpretiert dieses Fehlen von Frieden und Gerechtigkeit als Abwesenheit eines richtigen Glaubens. Im Umkehrschluss gilt, wo an Gott richtig geglaubt wird, da können Frieden und Gerechtigkeit wachsen, das Glück der Menschen.
Ich zitiere aus dem Propheten Jesaja (32.17) im AT: Und das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande. Und der Gerechtigkeit Frucht wird der Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit Sicherheit, leben in sicheren Wohnungen und stolzer Ruhe.

Und wenn dieses Sehnsuchtsziel aller Völker am Ende der Zeit Wirklichkeit wird, so wie der Prophet Micha es ebenfalls im AT beschreibt, dann ziehen alle Völker in die heilige Stadt Gottes und werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Und ein jedes Volk wird unter seinem Weinstock wohnen und im Namen seines Gottes wandeln.

Ich höre daraus, dass die Attraktivität meines Glaubens sich in seiner Kraft zeigen soll, ein Friedensreich für alle Völker auf Erden anzustreben. Ein Friedensreich, wo ein jedes Volk seine Identität bewahren kann und trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb in vitaler und fruchtbarer Gemeinschaft mit anderen leben kann.

Insbesondere wenn man in einer Umgebung aufgewachsen ist, wo es keine selbstverständliche und freundliche Begegnung mit Menschen anderen Glaubens gegeben hat, - wie in meiner Kindheit - neigt man leicht zur Verabsolutierung der eigenen Glaubensvorstellung. Doch in Wahrheit scheint mir – auch im Spiegel unserer Tradition – das Reich Gottes nicht christlich, oder moslemisch oder jüdisch zu sein, sondern einfach nur bei Gott. Und das ist unser gemeinsames Ziel. Dorthin sind wir mit allen anderen, die von seinem Friedensreich begeistert sind, unterwegs.


II.    Frieden und Gerechtigkeit sind auch das wichtigste Thema der Gegenwart. Im Angesicht zunehmender Wanderungsbewegungen und der Schere zwischen Arm und Reich stellen sie das höchste Gut unserer Gesellschaften dar. Denn jeder, auch ich, möchte in seiner Stadt, in unserer Stadt in Frieden leben.

Zugleich sehe ich, dass der dafür so wichtige Bürgersinn und das Engagement, sich für das friedliche Zusammenleben  im öffentlichen Raum einzusetzen, kaum ausreicht. Daher sind alle Kräfte gefordert, die an der Basis, in den Stadtteilen und Quartieren etwas dazu beitragen können.

Besonders die Religionsgemeinschaften, sofern sie denn ebenfalls einen Gott der Gerechtigkeit und des Friedens verehren, der allen gilt, stellen in unserer Stadt eine unverzichtbare Ressource dar.

Ich behaupte, dass unsere Gemeinden für Hamburg friedens- und sozialpolitisch unverzichtbar sind, leisten sie doch oftmals erhebliche Stabilisierungs- und Sozialarbeit, meist ohne irgendeine Förderung dafür zu erhalten, (trotz des eigentlich geltenden Subsidiaritsprinzips).

Allenfalls die großen christlichen Kirchen werden inzwischen als Träger von Einrichtungen gefördert, die kleinen Kirchen und Gemeinden, die Muslime, die Afrikaner, die Indonesier nicht. Im Gegenteil, die Stadt scheut sich, diese Religionsgemeinschaften zu stützen aus Sorge um ihre weltanschauliche Neutralität. Oft erlebe ich auf Seiten der Stadt, ihrer Politiker und Behörden ein tief sitzendes Ressentiment gegen alles, was sich religiös darstellt. Ich halte das für einen Fehler.


III.    Hamburg braucht seine Religionsgemeinschaften, ihr soziales, kommunikatives, ethisches, Identität stiftendes und damit friedenspolitisches Potential. Religion muss klug und selbstbewusst in den öffentlichen Raum und Diskurs zurückkehren.
Meine Vision ist, dass wir miteinander - und einer den andern in seinen Bedürfnissen stärkend, uns in Hamburg für die Zukunft unserer Stadt einbringen. Vor allem die noch nicht so etablierten Gemeinden unter uns, die Migrantenkirchen und Vereine sind von großer Bedeutung. Sie verfügen zwar nicht über die finanziellen oder baulichen Ressourcen wie die verfassten Kirchen, wohl aber über Kontakte und Verbindungen zu Menschen und in Bereiche hinein, die für uns alle von zentraler friedenspolitischer Bedeutung sind.

Lasst uns beginnen, Seite an Seite für eine kluge Rückkehr von Religion und Glaube in die Öffentlichkeit dieser Stadt zu arbeiten, und damit für Frieden und Gerechtigkeit.